Sehr geehrter Herr Stitz !
Sehr geehrter Herr Richter !
Was könnte ein Feuilleton alles leisten, in einer so spannenden Frage der Zukunft unserer Kulturlandschaft !
Es könnte ein Forum sein dafür, ob und was für ein Theater wichtig ist, welche Genres, welche Sparten Aufregendes leisten könnten für unsere Gesellschaft. Es könnte ein selbsternanntes Podium sein für Fachleute aus Schleswig- Holstein (wie wäre es mit den Herren Karasek, Grisebach und Schwandt ...?) und anderen aus der Gesellschaft und der Theaterwelt, um zusammen mit dem Leser zu diskutieren, was für ein Theater wir uns leisten sollen !
Stattdessen hoppeln Sie Artikeln und Konzepten hinterher, preisen oder verreißen diese je nachdem, wie es in das gewünschte Bild passt. Die Sprachlosigkeit der Politik, die sich darin ausdrückt zu fordern, mit immer weniger Geld auszukommen, wird kritiklos als Richtschnur übernommen: Das Konzept, das mit dem vorhandenen Geld auskommt, ist gut.
Die Initiativgruppe der Bürgerinitiative will mit ihrem Säulenmodell, das wurde mehrmals betont, kein anwendbares Rettungskonzept bieten, sondern das gefährliche Ideenvakuum, was unter den finanziellen Trägern herrscht, füllen und Konzepte anstoßen. Sie hat mit gut recherchierten Zahlen belegt, dass Flensburg und Schleswig- Holstein schon jetzt ein Mehrspartenhaus fast zum Discounttarif bekommen, von dem andere Kommunen nur träumen können.
Die Kosten eines Bühnenbetriebs wachsen insofern, als Energie- und Sachkosten eben steigen und Tarifsteigerungen anfallen, wie in allen anderen Berufsbereichen auch. Hierzu gab es aussagekräftige Daten, die belegen, dass schon seit langen Jahren kostenbewusst agiert wird.
Nicht die scheinbare „Unberührbarkeit der Strukturen“ ist das Problem, sondern die Illusion, man könnte die Kosten qualitativ hochwertigen Theaters durch Maßnahmen aus der freien Wirtschaft unbegrenzt minimieren.
Hier muss eine inhaltliche Diskussion her, welche Kultur in welchem Umfang wichtig genug für uns ist, um ihr kreatives Überleben langfristig zu ermöglichen.
Zu diesem Dialog könnten Sie –ergebnisoffen- beitragen, anstatt die Ratlosigkeit der Politiker und deren Geldnot für ein Strukturwandelkonzept zu halten.
Mit freundlichem Gruß
Andreas Deindörfer
Der Kulturkampf, Ausgabe Nr. 46 (2010)
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Redaktionsleitung der „ZEIT“,
der o.a. Artikel von einem Herrn Konstantin Richter bedarf dringend einer Stellungnahme: das ist kein Beitrag zu einer Diskussion zur Kulturförderung (bei der das Wort „Subvention“ sowieso fehl am Platz ist), sondern ein hämischer Artikel über eins der kleinsten Opernhäuser Deutschlands und dessen Mitarbeiter.
Es werden nicht nur alle (!) Situationen karikierend und Tatsachen falsch dargestellt, sondern ihr Autor schreckt nicht einmal davor zurück, Personen und Künstler mit voller Namensnennung zu verhöhnen – etwas abscheulicheres habe ich noch nie in ihrer ansonsten geschätzten Zeitung gelesen.
Es ist mir völlig unerklärlich, wieso in ihrem ansonsten bürgerlich/liberalen Blatt eine solche unfaire Breitseite gegen eine ganze Kunstgattung abgefeuert wird – anstatt einer aufklärenden präzisen Analyse ist hier die Verleumdung und Verächtlichmachung einer Institution gewählt worden, unter Zuhilfenahme des ganzen Repertoires an rhetorischer und gezielter Fehlinformation.
Es ist völlig klar, daß dieser in jeder Hinsicht verzerrende Beitrag in Kopie jedem Minister und Stadtdirektor dazu dienen wird, die Schließung einer Institution mit jenen gefälschten Argumenten zu betreiben – und hier sehe ich Ihr Blatt in einer – leider ganz schrecklichen – Verantwortung für die unmittelbare Zukunft.
Sie sollten sich schnellstens darum bemühen, das Feld dieses fast schon Fäkalpopulismus‘ zu verlassen; ich protestiere auf das Schärfste gegen diese Einlassungen in der Art des o.a. Artikels. Sollte sich eine solche Absenkung ihres Niveaus wiederholen, wäre ich gezwungen auf die zukünftige Lektüre ihres Blattes zu verzichten, sowie mein Bekannten von der Abschaffung ihrer Zeitung zu überzeugen.
Meine Stellungnahme geht auch verschiedenen anderen Persönlichkeiten, Publikationen und Verbänden, sowie den entsprechenden Ministerien zu.
Gruß
Detlev Glanert
Der Kulturkampf, Ausgabe Nr. 46 (2010)
Allein diese Fragestellung zeigt, wie weit Sie von der wirklichen Problematik entfernt sind. Es geht nicht um ein Opernhaus für die Stadt Flensburg:
1. Das Musiktheater des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters ist das einzige Musiktheater zwischen Aarhus und der gedachten Linie Kiel-Hamburg und somit für die große Mehrheit der dort lebenden Menschen, vor allem der Jugend, die einzige Möglichkeit, Opern- und Ballettaufführungen zu besuchen.
2. Die Gesellschafter des SHLT haben die Wichtigkeit ihres Landestheaters für die Region erkannt und trotz wirtschaftlich schwieriger Zeiten die Gesellschafterbeiträge wieder dynamisiert. Die Landesregierung jedoch fährt einen bedrohlichen Kurs. In-Frage-Stellung der Universität Flensburg, Schließung der JVA Flensburg u.a. addieren sich mit der Deckelung der FAG-Mittel für die Theater in Schleswig-Holstein zu einer wirtschaftlichen Bedrohung des nördlichen Landesteils. Nur eine Kennzahl: Die Theaterförderung je Einwohner beträgt in Kiel 57,50 €, in Lübeck 46,50€, im Bereich des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters lediglich 19,13 €.
3. Es stimmt zwar, dass in der Zeit der letzten Generalintendanz trotz künstlerisch anspruchsvollster Inszenierungen (u.a. Nominierung des „Tannhäuser“ für den Deutschen Theaterpreis in der Sparte Beste Regie) die Zuschauer mehr und mehr fernblieben. Dieser Trend ist mit dem Ende der letzten Spielzeit und dem Beginn der neuen gebrochen worden. Zum ersten mal seit 10 Jahren steigende Abonnentenzahlen, ausverkaufte Premieren und Konzerte. Für die von der „Zeit“ als verzichtbares Musiktheater kritisierte Inszenierung des „Nabucco“ sind keine Karten zu bekommen, jede Vorstellung und auch die angebotenen Zusatzvorstellungen sind ausverkauft. Es scheint so, als sähe das Publikum klarer als der Kritiker, der Werktreue als hölzern und bieder tituliert in einer Zeit, in der das Ende des Regietheaters ausgerufen wird (Daniel Kehlmann auf den Salzburger Festspielen 2009). Das Signal der Zuschauer lautet unmissverständlich: Das ist Musiktheater, wie wir es wollen und auf das wir nicht verzichten möchten!
4. Natürlich muss eine Systemanalyse her. Aber genau die betreibt der erst seit August im Amt befindliche neue Generalintendant Peter Grisebach. Obwohl schon vieles in die Wege geleitet und das Defizit beinahe halbiert wurde, braucht auch ein neuer Besen vor allem erst einmal Zeit, um gründlich zu arbeiten. Geben Sie Herrn Grisebach diese Zeit und fallen Sie nicht nach gerade mal 2 Monaten unqualifiziert über ihn her.
Burkhard Lange-Seynsche, Kulturpolitischer Sprecher der SPD-Ratsfraktion Flensburg
Der Kulturkampf, Ausgabe Nr. 46 (2010)
In seinem dreiseitigen Artikel über das Schleswig-Holsteinische Landestheater stellt Konstantin Richter als Schiedsrichter alle Beteiligten – die Kulturpolitiker, das SH-Landestheater, den Intendanten, die Operndarsteller und die Besucher – vom Platz, weil er sie als unfähig ansieht, in dem Match „Kulturkampf“ die geforderten Leistungen zur Rettung des Landestheaters zu erbringen. Dabei mutiert Konstantin Richter in dem von ihm geschilderten „Kulturkampf“ vom vermeintlich neutralen Schiedsrichter zum gewollt Einfluss nehmenden, aber zweifelhaften Akteur. Um im Bild zu bleiben: Er schießt ein Eigentor nach dem anderen, indem er die existentielle Bedrohung für betroffene Individuen und das Gemeingut Kultur als Posse schildert.
Warum ist die Sprache des ZEIT-Dossiers in großen Teilen höchstens dem Stil der Boulevardpresse würdig? Dachte der Autor, das Ringen ums Überleben deutscher Theaterhäuser ließe sich am besten als in der Provinz angesiedelte „Soap-Opera“ fassen? Strotzt der Bericht deshalb nur so von Häme und Bösartigkeiten? Passen Differenzierungen und Abwägungen nicht in das Bild einer nach dem Schwarz-Weiss-Schema verfassten „Soap-Opera“? Warum drängt sich beim Lesen des „Spielberichtes“ unwillkürlich der Verdacht auf, das Endergebnis – allen Akteuren eine provinzielle Inkompetenz zu attestieren – habe vor dem Anpfiff bereits fest gestanden?
Konstantin Richter ist, wenn es je seine Absicht war, an seiner eigenen Unfähigkeit gescheitert, die Komplexität der Schwierigkeiten eines Flächentheaters in Zeiten neuer Haushaltspolitiken darzustellen. In einer der wenigen Passagen, in der Richter es ernst meint und vom Stil der „Soap-Opera“ abrückt, zieht er das reformierte Lübecker Stadttheater als Erfolgsmodell heran. Der Vergleich mit einem Stadttheater aber ist schlecht gewählt, handelt es sich beim Schleswig-Holsteinischen Landestheater doch um eines der größten Flächentheater Deutschlands! Der Autor blendet (wohl bewusst) gänzlich aus, wie seit Jahren die gesamte Belegschaft und seit Beginn des Jahres auch eine Bürgerinitiative für das Theater kämpfen! Vielmehr versteigt er sich in allzu platter Kritik an nur einer Produktion und überhöht den Stellenwert dieser für ihn „hölzernen, biederen und keinesfalls unverzichtbaren“ Nabucco-Inszenierung, indem er sie zum einzig verbliebenen Rettungsanker hoch stilisiert. Dass alle Aufführungen des Flensburger Nabuccos bislang ausverkauft waren, und dass die Besucherzahlen insgesamt um mehr als 10 % im letzten halben Jahr gestiegen sind, erwähnt Richter an keiner Stelle. Seine einseitige Fokussierung erlaubt es ihm ja auch, Fakten, Argumente, und Perspektiven auszublenden, die ihn vom negativen Tenor seiner schattierungslosen, verkürzten und deshalb keinesfalls gut recherchierten Darstellung hätten abbringen müssen. Wie auch aus Kreisen des Landestheaters zu hören ist, operiert der Autor hierbei wahrheitswidrig mit teilweise falschen oder in neue Zusammenhänge gestellten Fakten und Zitaten.
Auch Journalisten sind politische Akteure im von Richter beschriebenen „Kulturkampf“. Ein ZEIT-Dossier, das alle am existentiellen Ringen um das Theater der Region zu hilflosen, gar einfältigen Dilettanten herunter schreibt, zeigt, wie verantwortungslos mit dieser Rolle umgegangen werden kann.
Dr. Kolja Raube (Brüssel) und Wolfgang Raube (Flensburg)
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